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Kurzüberblick Motorik Entwicklung von 0 bis 6 Jahre

von Prof. Dr. Jeanette Roos, Pädagogische Hochschule Heidelberg

Entwicklung von 0 bis 6 Jahre

Der Begriff Motorik bezeichnet die Gesamtheit aller Bewegungsabläufe des menschlichen Körpers. Es werden dabei Grob- und Feinmotorik unterschieden. Grobmotorik umfasst die Bewegungen von Kopf, Schulter, Rumpf, Becken, Armen und Beinen. Die Bewegung von Fingern, Zehen und Gesicht zählen zum feinmotorischen Bereich. Die motorische Entwicklung beginnt schon vor der Geburt. Bereits ab der 8. Schwangerschaftswoche können Reflexe und spontane Bewegungen des Kindes beobachtet werden (z. B. gähnen, räkeln, strampeln). Im Folgenden werden die wesentlichen motorischen Entwicklungsschritte von der Geburt bis zum sechsten Lebensjahr kursorisch zusammengefasst. Die Altersangaben stellen dabei Richtwerte dar, die je nach Kind deutlich über- oder unterschritten werden können. Jedes Kind entwickelt sich in seinem eigenen Tempo-Entwicklung verläuft individuell unterschiedlich. Das Erreichen bestimmter Meilensteine (bestimmter Fähigkeiten) ist wichtiger als der Blick auf das Lebensalter.

Erstes Lebensjahr

Das erste Lebensjahr zeichnet sich durch eine rasante motorische Entwicklung des Säuglings aus. Sehr früh gelingt die Kopfkontrolle und Steuerung der Kopfbewegungen, ab dem ersten Monat in Bauchlage und ab dem 2. Monat in Sitzposition mit Hilfe. So kann der Säugling seine Umwelt mit den Augen (visuell) wahrnehmen und ab dem zweiten Monat Gegenstände und Geräuschquellen, die sich im Blickfeld befinden mit den Augen fixieren. Kopfkontrolle und Steuerung der Kopfbewegungen sind für Entwicklung der weiteren motorischen Grundfertigkeiten wesentlich. Beim Hochheben ist der Kopf zu stützen.

Ab dem dritten Monat nutzen Säuglinge verstärkt Finger und Hände als Wahrnehmungsinstrumente, wobei Gegenstände aufgrund der noch kaum vorhandenen Augen-Handkoordination noch nicht gezielt erreicht werden können. Ab dem vierten und fünften Monat beginnen Säuglinge Dinge, die zunächst eher zufällig eine Wirkung erzeugt haben, zu wiederholen. In dieser Lebensphase beschäftigen sich kleine Kinder intensiv mit ihren Händen und entwickeln eine Vorstellung von der Lage der Hände im Raum. Anschließend wird die Auseinandersetzung mit Gegenständen der Umwelt Entwicklungsthema. Die Augen-Hand-Koordination verbessert sich und Gegenstände können gezielt ergriffen werden. Das „Begreifen“ (mit den Augen/visuell, mit dem Mund/oral, durch berühren/taktil) von Dingen ist ein wesentliches Element für die Denkentwicklung und kann daher nicht wichtig genug eingeschätzt werden. 

Von Geburt an sind Säuglinge damit beschäftigt, sich aufzurichten. Im Alter von fünf Monaten stützen sich Kinder noch auf die Unterarme, aber auch zunehmend auf die Hände. Manchen Kindern gelingt es sich mit einem Arm abzustützen und mit dem anderen nach Dingen zu greifen. Beginnend mit dem sechsten, siebten Lebensmonat führen Säuglinge die ersten Drehbewegungen vom Bauch auf den Rücken aus. Die Umkehrung ist schwieriger und gelingt etwas später. Ab dem achten Monat bilden sich wesentliche Formen der Fortbewegung heraus. Nachdem zunächst das freie Sitzen selbstständig geling, beginnen Babys schon bald sich robbend zu bewegen, sammeln so erste Raumerfahrungen und erkunden das nahe Umfeld. Das Krabbeln und Kriechen auf Händen und Knien ermöglicht viele neue Sinneseindrücke, die integriert werden müssen. Interessante Gegenstände wecken die Aufmerksamkeit und Handbewegungen werden nun geplant eingesetzt. Ab dem neunten Monat können Babys bereits kurz im Stand Balance halten. Sie beginnen taktile und visuelle Informationen aufeinander zu beziehen. Greifen und Loslassen funktioniert nun bewusst. Die Fortbewegung wird immer besser und schneller, damit können auch mehr Informationen aus der Umwelt aufgenommen werden. Das Nervensystem wird durch zahlreiche Empfindungen, die über die Sinnesorgane aufgenommen werden, stimuliert. Ab dem zehnten Monat ist stabiles Sitzen möglich. Außerdem wird das Krabbeln fleißig geübt. Wegwerfen von Gegenständen (noch unkoordiniert) wird zum beliebten Spiel und auch in der Feinmotorik werden Veränderungen deutlich indem kleinere Gegenstände mit Daumen und Zeigefinger ergriffen werden können (Pinzetten-Griff). Gegen Ende des ersten Lebensjahres sind die meisten Kleinkinder in der Lage sich aufzurichten, an Möbeln hochzuziehen und ihr Gleichgewicht zu halten – auch erste Gehversuche entlang an Möbeln etc. zu unternehmen. 

Zweites Lebensjahr

Erste selbstständige Gehversuche werden zwischen dem neunten und fünfzehnten Lebensmonat unternommen. Kinder wollen diese neu erworbene Fähigkeit auf vielfältigste Art ausprobieren wollen - Hin- und Herlaufen, um den Tisch laufen, fühlen, wie es sich auf Teppich oder der Wiese läuft, erproben wie sich eine Türschwelle überwinden lässt. Dabei geht es nicht darum, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Das Gehen an sich macht Sinn und schon bald sind Kinder in der Lage, das Tempo immer besser der Situation und den Gegebenheiten anzupassen. Treppensteigen gelingt in der Mitte des zweiten Lebensjahres – zunächst noch mit Nachstellschritt, erst aufwärts und etwas später auch abwärts. Räume werden in einer neuen Dimension erforscht, das Klettern nimmt dabei eine wichtige Rolle ein. Dinge, die maximal hüfthoch sind, werden erklommen. Andere Bewegungsfertigkeiten sind Ballrollen, ungezieltes Werfen, beidbeiniges Hüpfen, Purzeln, Balancieren usw.. Ab dem 18. Monat verbessern Kinder ihr Laufrepertoire - Richtungswechsel gelingen mühelos, Hüpfen auf einem Bein ist machbar. Mit dem freien Gehen wird das Draußen sein noch verlockender und wichtiger zum Austoben. Auf dem Spielplatz, auf der Wiese, auf Spaziergängen im Park, in Wald oder Feld lernen Kinder, immer sicherer und geschickter mit ihrem Körper umzugehen und eignet sich weitere Bewegungsfertigkeiten an: Vorwärts und rückwärts laufen, sich im Kreis drehen, klettern und hüpfen, über Pfützen springen, Treppen sicher steigen, balancieren, Dreirad, Laufrad, Roller fahren. Kinder wendet ihre neuen motorischen Fähigkeiten unter den verschiedensten Bedingungen an und verfeinern die Koordination, Ausdauer und Muskelkraft. Für Eltern kann es dabei manchmal anstrengend werde. Auch die Feinmotorik verbessert sich. Selbständig aus der Tasse trinken wird möglich, Bilderbuchseiten vorsichtig umblättern, kritzeln mit dem Stift beginnt. 

Drittes Lebensjahr 

Die motorische Entwicklung ist nun geprägt durch die Weiterentwicklung und Verbesserung des bereits Erlernten. Folgende Bewegungsfertigkeiten kommen hinzu: zufälliges Fangen, gehend Balancieren, auf einem Bein stehen, schnelles Laufen, Hüpfen, Klettern und Abspringen, Treppe steigen im Wechselschritt, kicken eines Balls mit einem Fuß. Feinmotorisch gelingt das Öffnen von Reißverschlüssen, auch das Anziehen von einfachen Kleidungsstücken. Die Hilfe bei Alltagstätigkeiten wird interessant: Gras rechen, Fegen, Staub saugen. Stifte werden noch mit der Faust oder quer gegriffen. Die Malbewegung erfolgt aus Schulter und Ellenbogengelenk. Zudem können jetzt Drehbewegungen ausgeführt werden.

Zwischenfazit – viele Bewegungserfahrungen geben Sicherheit 

Betrachtet man die beschriebene Entwicklung der Kinder in den ersten drei Lebensjahren so verläuft sie nur dann optimal, wenn die Umwelt so gestaltet ist, dass die Grundbedürfnisse der Säuglinge und Kleinkinder in ausreichendem Maß befriedigt werden. Mit der wachsenden Mobilität nehmen auch die Unfallgefährdungen zu. Gefahrenpunkte in Wohnung und Garten müssen beseitigt oder entschärft werden. Eltern und Bezugspersonen müssen dafür sorgen, dass sich Kinder gefahrlos und möglichst ohne große Einschränkungen bewegen können. Als Eltern müssen und können Sie Ihrem Kind das Kriechen und Aufsitzen, das Gehen und Hüpfen, Springen und Klettern nicht beibringen. Doch Sie können es darin unterstützen, seine körperlichen Fähigkeiten in ihrer ganzen Bandbreite zu entfalten. Kinder brauchen einen möglichst abwechslungsreichen Bewegungsraum mit vielfältigen Übungs- und Erfahrungsmöglichkeiten, die ihrem Alter und ihrer Entwicklung entsprechen. Nur so können sie lernen, ihren Körper zu beherrschen und immer sicherer und geschickter damit umzugehen. Sie finden hierbei ihre Möglichkeiten wie auch ihre Grenzen heraus, eignen sich nach und nach weitere Bewegungsfertigkeiten an und gewinnen Selbstvertrauen und Sicherheit. Geben Sie Ihrem Kind jeden Tag Gelegenheit, sich zu bewegen, zum Laufen, Rennen, Klettern und Toben. Besonders Kleinkinder brauchen jede Menge Erfahrungen. Hierdurch werden sie immer geschickter und fallen viel seltener als allzu behütete Kinder. Keine Angst vor Schrammen! Kinder benötigen nicht zu viel Hilfe bei ihren Übungen, viel ausprobieren können ist gut. Erwachsene stehen bereit für den Fall, dass es gefährlich werden könnte oder Hilfe nötig wird.

Viertes bis sechstes Lebensjahr

Die Zeit zwischen 4 und 6 Jahre ist gekennzeichnet durch ein beschleunigtes Muskelwachstum woraus sich eine Zunahme von Kraft und Ausdauer ergibt. Die tapsigen Bewegungen des Kleinkindes gehen verloren. Das Kind wird geschickt und wendig. Bewegungs- und Geschicklichkeitsspiele sind jetzt besonders beliebt. Der Gleichgewichtssinn ist etwa mit 4 bis 5 Jahren ausgeprägt genug, damit Kinder Roller-, Fahrrad oder auch Inliner fahren können. Die immer präziser angewendete Feinmotorik kann an der Entwicklung der Malbewegung beobachtet werden. Diese wird zunächst von den großen Muskeln gesteuert und vom Arm ausgeführt (großflächige Bilder), schließlich können die Malbewegungen besser gesteuert werden und das Kind malt vom Unterarm aus, so dass kleinere Zeichenelemente entstehen können. Das Malwerkzeug wird jetzt von Fingern und Daumen gehalten. Knöpfe können geöffnet und geschlossen werden. Essen mit Messer und Gabel gelingt zunehmend besser. 

Bewegungsangebote außerhalb von Familie und Kindertageseinrichtungen

Kinder benötigen Bewegungsraum, um ihren Körper kennenzulernen und eine Beziehung zu ihrem Körper aufzubauen. Wichtig sind dabei Primärerfahrungen, die Umwelt muss begriffen (greifen) und betreten (laufen), d. h. selbst erlebt werden. Durch Bewegung treten Kinder in Dialog mit ihrer Umwelt und erschließen sich die Welt durch sinnliche Wahrnehmung. Bewegungserfahrungen bilden die Grundlage für viele andere Entwicklungsbereiche, sie unterstützen das Zusammenspiel von Sinneserfahrungen. Dafür ist eine große Variationsbreite von Erkundungsaktivitäten notwendig.

Allerdings ist heutige Kindheit auch gekennzeichnet durch die Verringerung an unmittelbaren körperlich-sinnlichen Erfahrungsmöglichkeiten, durch eine immer stärker eingeengte Bewegungswelt und die Dominanz elektronischer Medien im Alltag, die viele Erfahrungen nur aus zweiter Hand möglich machen. Angebote im Bereich Kinderturnen bzw. Kindersport bieten schon den Jüngsten eine Gelegenheit diesem Mangel frühzeitig zu begegnen. Je nach Alter werden verschiedene Möglichkeiten angeboten, die spielerisch die Motorik und Selbsterfahrung zu unterstützen, soziale Kontakte zu ermöglichen und Bewegungsarmut entgegenzuwirken (Prävention/Gesundheitsförderung). 

0 bis 1 Jahre

Für Babys im ersten Lebensalter gibt es Krabbelgruppen und das Prager Eltern-Kind-Programm (PEKiP). Als Krabbelgruppen werden Kleinkindgruppen bezeichnet, die von Kindern und Eltern gemeinsam besucht werden. Familienorientierte Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen, Bürgerhäuser, Kirchengemeinden, medizinische Einrichtungen usw. offerieren solche Angebote. PEKiP-Gruppen bieten kleinen Kindern entwicklungsförderliche Bewegungs- und Spielanregungen und dienen darüberhinaus auch der Förderung sozialer Kontakte von Eltern (Erfahrungsaustausch) wie Kindern und geben den Eltern zudem Anregungen für ihren Umgang mit den Kleinsten. Auch Baby Schwimmkurse werden meist von örtlichen Schwimmvereinen angeboten. Sie richten sich an Babys zwischen dem vierten und achtzehnten Lebensmonat. Wassergymnastik und Tauchübungen für die Kleinsten unterstützen das Vertrautwerden mit und die Sicherheit im Wasser.

1 bis 3 Jahre - Eltern-Kind-Turnen

Ein- bis dreijährigen Kinder werden von Mutter und/oder Vater begleitet und erfahren dadurch mit vertrauten Personen Bewegungserfahrungen in ungewohnter Umgebung wie Turnhallen usw.. Dabei unterstützt das Erkennen und Beobachten anderer Kinder auch die Entwicklung sozialer Kompetenzen. Die Koordination wird spielerisch u. a. auch durch Kinderlieder und -reime entwickelt. Später fördern altersangepasste Bewegungslandschaften Motorik und Gleichgewichtssinn und den Spaß am Klettern. 

3 bis 6 Jahre Kleinkinderturnen

Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren werden ohne ihre Eltern in ihrer Beweglichkeit gefördert und erweitern ihren Aktionsradius. Die Koordination wird verfeinert, der soziale Umgang erlebt mit fortschreitender Sprachentwicklung neue Bereiche. Spielerisch erlernen kleine Kinder Grundformen des Turnens wie Purzelbaum und Rollen. Neben Bällen, Springseilen, Reifen usw. kommen zunehmende auch klassische Turngeräte wie Kasten, Sprossenwand, Barren, Trampolin oder niedrige Schwebebalken zum Einsatz. 

Eltern-Kind und Kleinstkinderturnen werden meist von örtlichen Turn- und Sportvereinen angeboten. 

Beeinträchtigung der Bewegungsentwicklung

Erkrankung oder Behinderung können die motorische Entwicklung des Kindes deutlich verzögern und beeinträchtigen. In manchen Fällen wird eine mögliche Behinderung auch erst aufgrund von Auffälligkeiten und Verzögerungen vor allem in der frühen Bewegungsentwicklung erkannt. Wenn Sie unsicher sind und sich sorgen, Ihr Kind entwickle sich in seiner Beweglichkeit auffällig anders oder langsamer als gleichaltrige Kinder, sollten Sie sich deshalb an Ihren Kinderarzt/Ihre Kinderärztin wenden. Frühförderung und geeignete therapeutische Maßnahmen können Ihrem Kind bestimmte Bewegungserfahrungen ermöglichen und es darin unterstützen, spezielle Bewegungsabläufe zu lernen. Mögliche Spätfolgen können hierdurch oftmals verhindert oder zumindest abgemildert und verzögert werden. Neben der fachlichen Unterstützung sind es vor allem Ihre liebevolle Zuwendung, die Einbindung in das Familienleben und Gruppenaktivitäten mit anderen Kindern, welche die Bewegungsentwicklung wie auch die gesamte Entwicklung Ihres Kindes günstig beeinflussen.

Literaturhinweis: Mock-Eibeck, A. (2014). KurzCheck Motorische Entwicklung von Kindern. Hamburg: Verlag Handwerk und Technik.

Zusammenfassung:

  • Durch Bewegung lernen Kinder sich und ihren Körper kennen, seine Möglichkeiten und Grenzen: Spaß, Abenteuer, Stärke, Leistung, Entspannung, Müdigkeit, Erschöpfung. 
  • Durch Bewegung bauen Kinder ihre Identität und Persönlichkeit auf. Sie lernen sich mit sich selbst auseinander zu setzen und mit anderen in Kontakt zu treten. 
  • Durch Bewegung erfahren Kinder ihre Umwelt. Was ist oben, was ist unten? Wie schnell ist schnell und wie langsam ist langsam? Wie fühlen sich Dinge an?
  • Durch Bewegung sammeln Kinder Wissen, sie lernen durch Bewegung. 

Bewegung macht Spaß!